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Brunner, Karl

Geb. 8.6.1887 in Prag, gest. 26.4.1965 in Innsbruck.

 

Schulbesuch in Prag und in Innsbruck, danach Studium der Anglistik und Romanistik in Innsbruck, Berlin und Wien. Lehramtsprüfungen in seinen fremdsprachlichen Fächern und zugleich auch Promotion 1910 in Innsbruck. Fortsetzung des Studiums in Berlin (u. a. auch indogermanische Sprachwissenschaft) und Studienaufenthalte in England. Habilitation 1914/1915 in Wien mit einer Edition als schriftlicher Habilitationsleistung (s.u.). 1914 Realschullehrer (für Deutsch), dann Militärdienst während des Weltkrieges, an dessen Ende er in Südtirol stationiert war und in Kriegsgefangenschaft geriet (bis Ende 1918 in einem Lager in der Schweiz).

Seit 1919 Dozent an der Exportakademie in Wien (später umbenannt in »Hochschule für Welthandel«) und zugleich an der Universität in Wien. 1922 a.o. Professor an der Hochschule für Welthandel, 1924 Professur für Anglistik in Innsbruck. Seit 1936 amtierte er dort als Rektor, wobei er Maßnahmen gegen nationalsozialistische Aktivitäten an der Universität ergriff. Das führte beim »Anschluß« Österreichs sofort zu seinem erzwungenen Rücktritt als Rektor, dann auch zu seiner Versetzung in den Ruhestand. Zwar wurde er 1943/1944 aufgrund des bestehenden Personalmangels vertretungsweise wieder dienstverpflichtet, nach Einspruch der Parteikanzlei aber wieder entlassen. Seit dem 1.5.1945 amtierte er wieder als Lehrstuhlinhaber in Innsbruck und wurde zugleich auch wieder als Rektor gewählt. Bis März 1960 nahm er dieses Amt wahr.

B. repräsentiert die alte philologische Einheit des Faches, allerdings mit einem deutlichen Schwerpunkt bei der Sprachwissenschaft, durch den er zu einer Schlüsselfigur der zeitgenössischen Anglistik wurde. Seine Dissertation »Die Dialektliteratur von Lancashire[1] zeigt schon seinen späteren Arbeitszuschnitt: Er liefert eine Bestandsaufnahme der durch dialektale Formen geprägten literarischen Texte vom 18. Jhd. bis zur Gegenwart, deren Form er vor der Folie des Standardenglischen charakterisiert. Grundlage dafür waren eigene Dialektaufnahmen in Lancashire, die er in phonetischer Notation 1925 veröffentlichte: »Einige Dialektaufnahmen aus Lancashire«.[2] Als Habilitationsschrift legte er in klassischer Form eine umfassende kritische Edition vor (»Der mittelenglische Versroman über Richard Löwenherz«),[3] verbunden mit einer minutiösen Analyse der Reime, die ihm eine dialektale Zuordnung der Texte zu einem südöstlichen Dialekt erlaubt, wobei die Handschriften z.T. unterschiedliche Ausprägungen zeigen.

 

Über seine Tätigkeit an der Handelshochschule war er auch am Aufbau des neuen fachsprachlichen Arbeitsfeldes beteiligt (s. hier bei Jordan, Richter), für das er ein Lehrbuch für Handelskorrespondenz (1922) verfaßte. Der Schwerpunkt seiner Arbeit blieb aber der universitäre Horizont, in dem er vor allem auch didaktisch sorgfältig durchgearbeitete Lehrwerke verfaßte: So seine »Übungsstücke zur Einführung in die neuenglische Sprache bei Anfängerkursen an Hochschulen (mit einer kurzen Grammatik)«,[4] mit Texten auch aus dem US-amerikanischen Englischen, sowie (mit R. Hittmair) »Mittelenglisches Lesebuch für Anfänger«,[5] das als Arbeitsbuch in die philologische Praxis einführt, die Texte mit einem Handschriftenapparat präsentiert und ein umfangreiches Glossar mit allen Belegformen enthält. Er ergänzte es um einen »Abriss der mittelenglischen Grammatik«.[6]

Daneben verfaßte er aber auch direkt literaturwissenschaftliche Arbeiten, vor allem zu Shakespeare, angefangen bei der von ihm besorgten Ausgabe einer Sammlung seines Lehrers Rudolf Fischer: »Shakespeares Sonette (Gruppierung, Kunstform)«,[7] bis hin zu einer eigenen Monographie zu Shakespeare 1957. Auch hier beschäftigte er sich ausführlich mit den Gegenwartsverhältnissen, bedingt nicht zuletzt wohl auch durch seine Tätigkeit an der Handelshochschule, so mit einem Sammelband »Neuere amerikanische Dichtung seit Walt Whitman«,[8] der mit einem ausführlichen Glossar und Erläuterungen von Anspielungen in den Texten das typisch Amerikanische im Gegensatz zum Britischen verdeutlichen will. 1929 publizierte er auch eine landeskundliche Darstellung »Großbritannien: Land, Volk, Staat«,[9] einschließlich eines rassenkundlichen Abschnitts, S. 31ff.

Seine Entlassung aus dem aktiven Hochschuldienst nutzte er für die Ausarbeitung seiner umfangreichen Handbücher: 1942 konnte noch die umfassende Neubearbeitung der »Altenglischen Grammatik« von Eduard Sievers erscheinen,[10] die er später mehrfach überarbeitet hat, bemüht, dabei auch die jüngere Forschung etwa mit der Unterscheidung von allophonischer Variation und phonologischer Differenzierung aufzunehmen (z. B. die Arbeiten von H. Penzl).[11] In dieser Zeit verfaßte er auch sein opus maximum, »Die englische Sprache«.[12] Sie stellt das umfassend aufbereitete Material der lautlichen und morphologischen Verhältnisse dar und betrachtet es in Hinblick auf die dialektale und soziale Variation, strikt orientiert auf die schriftliche Überlieferung und die Probleme ihrer lautlichen Interpretation. Syntaktische Fragen sowie satzübergreifende Textstrukturen bleiben ausgeklammert, ebenso wie semantische Fragen im weiteren Sinne. Dafür werden die Befunde kulturgeschichtlich eingeordnet.[13]

B.s Arbeiten behalten in der Anglistik weiter ihre Bedeutung, wie die durchgehenden Verweise darauf auch in jüngeren sprachwissenschaftlichen Arbeiten mit historischem Zuschnitt zeigen. Zur Bewertung, s. die Beiträge in dem Gedenkband zu seinem 100. Geburtstag.[14]

Q: Haenicke/Finkenstaedt 1992; Hausmann 2003; Stammerjohann (1996) (M. Görlach); DBE 2005. Nachrufe: H. Koziol, in: Almanach der Österreichischen AdW 115/1966: 259-272 (mit Bibliographie); E. Leisi, in: Anglia 83/1965: 387-389.



[1] Wien: Hochschule für Welthandel 1920.

[2] In: F. Wild (Hg.), »Neusprachliche Studien«, FS Karl Luick, Marburg: Elwert 1925: 47-59.

[3] Wien: Braumüller 1913.

[4] Wien: Deuticke 1925, 2. Aufl. 1926.

[5] Heidelberg: Winter 1929.

[6] 1938, 5. Aufl. Tübingen: Niemeyer 1962.

[7] Wien: Braumüller 1925.

[8] Bielefeld: Velhagen und Klasing 1930.

[9] Bielefeld: Velhagen und Klasing 1929.

[10] Halle/S.: Niemeyer.

[11] 3. Aufl. 1965.

[12] 2 Bde., zuerst Halle/S.: Niemeyer 1951, Neubearbeitung Tübingen: Niemeyer 1960-1962.

[13] Eine Neubearbeitung dieses Standardwerks der Anglistik, das inzwischen auch in englischer, russischer und japanischer Übersetzung vorliegt, war von einer Forschungsgruppe von D. Kastovsky, J. Fisiak, U. Fries geplant, s. Kastovsky, »Morphophonemic alternations and the history of English«, in: M. Markus (Hg.), »Historical English. On the occasion of Karl Brunner′s 100th birthday«, Innsbruck: Universität Innsbruck 1988: 112-123, sie ist aber nicht verwirklicht worden (Mitteilung von D. Kastovsky, 2009).

[14] S. vorausgehende FN.

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